"Es gibt nur das ewige Jetzt, den gegenwärtigen Augenblick, und es wird niemals etwas anderes geben. Alles Erinnern geschieht in der Gegenwart – das Gedächtnis existiert im ewigen Jetzt."

Alan Watts, in: DIE ÜBERWINDUNG DER DUALITÄT (1969)

BEGEGNUNG UND BEHANDLUNG

(DEN BEWOHNER BZW. TAGESGAST "ABHOLEN" UND ANREGEN)


Täglich grüßt das Murmeltier  ist der Spruch, der mir am häufigsten bei der Arbeit einfällt, wenn ein Dementer alle fünf Minuten dieselbe Geschichte erzählt oder dieselbe Frage stellt. In der respektvollen Rolle des Betreuers/Begleiters von Senioren (besonders mit Demenz aller Grade) bin ich mir darüber bewusst, daß ich FÜR jemanden ANDERS da bin (egal wie "lächerlich", "nervtötend" oder "langweilig" mir dessen Verfassung persönlich erscheint!), also um ihm zu helfen, wo er aufgrund seiner alters- und/oder krankheitsbedingten Schwäche(n) UNTERSTÜTZUNG BENÖTIGT.

Dadurch besteht das Verhältnis zwischen dem Helfer und seinem Klienten aus zwei Ebenen des Respekts: einerseits auf derselben Augenhöhe als erwachsene Menschen mit Lebensgeschichte und Lebenserfahrung, die sich wie Freunde begegnen, unterhalten, austauschen und aufeinander freuen ...

... Und andererseits muss ich wachsam, aufmerksam und geduldig sein wie bei einem Baby, dessen Bedürfnisse zu erraten sind und das nicht für sich alleine sorgen kann. Unterschlage ich eine der beiden Ebenen in der Arbeit, werde ich dem Bewohner oder Tagesgast der Pflegeeinrichtung nicht vollends gerecht, denn: entweder verletze ich seinen Stolz, wenn ich ihn NUR wie ein hilfloses Baby BEHANDEL, ohne es so trickig einzufädeln, daß er das Gefühl hat, man wäre sein Kumpel oder wie ein Enkel, der sowieso zufällig im richtigen Moment wie ein KAVALIER zur Stelle ist (dann kommt ein pikiertes "ach herrjeh, das kann ich doch alleine, lassen Sie mal, junger Mann"), oder ich ignoriere sein Problem, wenn ich ihm NUR wie zwei souveräne Erwachsene BEGEGNE, wo jeder nur an sich selber denkt, wie man es ja in unserer egozentrischen Gesellschaft im öffentlichen Alltag gewohnt ist (dann erhöhe ich das Risiko eines Unfalls oder zumindest "kleinen Malheurs", das dann unnötig Arbeit bereitet oder sogar gefährlich enden könnte).

Daher ist für mich das Anstrengende bei dieser Tätigkeit die gewagte Gratwanderung zwischen sensibel-lässiger Aktivierung biografischer Reste (zwecks Hirntraining) und situationsbedingtem Support bei motorischen, sprachlichen, gedanklichen, wahrnehmungstechnischen und entscheidungsbeeinträchtigenden Schwierigkeiten bzw. Einschränkungen, so daß bestenfalls nach und nach eine optimale Mischung aus BEGEGNUNG UND BEHANDLUNG entsteht, die zur entspannten, geduldigen, gutgelaunten Bewältigung des gesamten Tagesablaufes führen soll.


Meine Erfahrungen sowohl aus dem Jahr als Minijobber im Pflegeheim als auch im Praktikum der Ausbildung zur sogenannten "zusätzlichen Betreuungskraft" (seit 2017 nach §53c SGB XI, vorher §87b, mit Auswirkung auf die Pflegesätze, siehe §43b sowie §84 und §85 jeweils Abs.8) zeigen, daß ehrliche OFFENHEIT, spirituelle FRÖHLICHKEIT und die wertfreie GESPRÄCHIGKEIT fast jeden Senioren in seinem jeweiligen Zustand "abholen" und "anregen" können. Und da wo man meint, nur noch wenig bewirken zu können, ermöglichen eine empathische, ruhige, freundliche, trostspendende, verständnisvolle Stimme oder/und meditative Berührungen zur seelischen Linderung und Entspannung beizutragen.


Wer alte, hilfsbedürftige Menschen und ihre Geschichten nervtötend, langweilig und lächerlich findet und sich in ihrer Gegenwart fremdschämt, weil ihm ihr herausforderndes Verhalten peinlich anmutet, der ist für diesen Beruf wirklich komplett ungeeignet. Man muss eine gewisse psychologische Reife mitbringen, um nicht seinen eigenen Egoprojektionen zu erliegen, sondern die nötige sachliche Distanz zu bewahren, indem man sich seiner DOPPELROLLE bewusst bleibt: die respektvolle Begegnung (die "anregt") und Behandlung (die "abholt"), die im richtigen Mischungsverhältnis zu einer erfolgreichen, menschlich berührenden, bereichernden BEGLEITUNG führen – und manchmal ungeahnte Überraschungen in die Wege leitet, die das (kurzfristige) Glücksgefühl inmitten des oftmals traurigen Unglücks steigern...


Auszug aus dem SGB XI, § 43b+53c (gültig seit 2017)

"Pflegebedürftige in stationären Pflegeeinrichtungen haben nach Maßgabe von §§ 84 Abs. 8 und 85 Abs. 8 SGB XI Anspruch auf zusätzliche Betreuung und Aktivierung, die über die nach Art und Schwere der Pflegebedürftigkeit notwendige Versorgung hinausgeht. Diese Vorschriften lösen die bisherige, bis Ende 2016 geltende Regelung des § 87b SGB XI a.F. ab. (...) Die zusätzlichen Betreuungskräfte sollen die Pflegebedürftigen betreuen und aktivieren. Zusätzliche Betreuungskräfte sind keine Pflegekräfte. (...) Zusätzliche Betreuungskräfte dürfen weder regelmäßig noch planmäßig in körperbezogene Pflegemaßnahmen sowie hauswirtschaftliche Tätigkeiten eingebunden werden. Maßnahmen der Behandlungspflege bleiben ausschließlich dafür qualifizierten Pflegekräften vorbehalten. Die Einhaltung dieser Vorgaben obliegt der verantwortlichen Pflegefachkraft nach § 71 Abs. 3 SGB XI. Den zusätzlichen Betreuungskräften dürfen bei Hinweisen zur Einhaltung dieser Vorgaben an die Verantwortlichen keine Nachteile entstehen."

Jimdo

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